
Jan Amos Komensky (Comenius) - Das Labyrinth der Welt (Labrynt sweta).
Bewegter Rap für 5 Stimmen in 7 Spielweisen von Willibald Feinig
Personen.
A = Wanderer / Kommentator, der das Geschehen im Labyrinth der Welt umkreist
B – E = Spieler, die sich im Labyrinth der Welt bewegen
Sprech-/Spielweisen.
I nur Bewegung/ Spiel (Grundbewegung wie Schonerfigur auf Bildschirm)
II Wortrap (nur Wort - die Spieler stehen) (Notenständer mit Text)
III zuerst sprechen, dann das Gesprochene spielen
IV einer spricht, alle spielen, was er sagt
V A spricht, alle in Bewegung, einer spielt das jeweilige Stichwort
VI Handeln während des Redens
VII Hin und Her zwischen zwei Gruppen
Spielanleitung.
Das Spielfeld wird auf dem Boden ausgelegt. In diesem Rahmen gehen 4 Spieler wie bewegte PC-Schoner-Punkte am Bildschirm, die am Rand anstoßen und im gleichen Winkel weitergeleitet werden ohne Rast und Ruh. Der Wanderer geht im Lauf des Spiels von Eck zu Eck (dort stehen Notenständer/Pulte mit Text, auch die Requisiten liegen in Reichweite außerhalb des Spielfelds bereit).
Text (leicht gekürzt).
(1)
B,C,D,E (gleichzeitig, nach Auslegen, vor Bewegung): Das Labyrinth der Welt, nach Jan Amos Comenius
(2)
A (tritt an seinen Platz): Ich ging auf den Marktplatz der Welt. Da erblickte ich unzählige Scharen von Menschen, die wie ein Nebelmeer auf und nieder wogten. Da gab es Menschen aus aller Herren Länder, Menschen von verschiedenem Alter, Wuchs, Geschlecht, Stand, Rang, und Beruf. Schon auf den ersten Blick sah ich, wie sich sich in einem wunderlichen Durcheinander hin und her bewegten, das dem Schwärmen der Bienen glich, nur noch viel seltsamer war.
(3)
B: Denn einige von ihnen gingen
C: andere liefen
D: wieder andere ritten
E: einige standen
B: andere saßen und lagen
C: einige erhoben sich, während andere sich wieder niederlegten
D: oder drehten und wandten.
E: Manche waren allein
B: andere in größeren oder kleineren Haufen beisammen
C: Ihre Kleider und ihr Aussehen waren sehr verschieden
D: einige waren sogar splitternackt
E: Wenn sie sich begegneten, sah man sie Verbeugungen machen
B: sich aneinanderschmiegen
(4)
A: - kurz: allerhand Possen reißen. Das, dachte ich bei mir, ist also das edle Menschengeschlecht, das sind die herrlichen, mit Vernunft und Unsterblichkeit begabten Wesen! Schon aus der Vielfalt ihrer erhabenen Verhaltensweisen kannst das Bild ihres unendlichen Schöpfers erkennen; da erblickst du wie in einem Spiegel die Würde deines eigenen Geschlechts!
Und ich fasste sie näher ins Auge.
C: Ein jeder trug, solange er in der Schar der anderen wandelte, eine Maske vor dem Gesicht.
D: sobald er aber allein war, oder sich unter seinesgleichen befand, nahm er sie ab,
E: und wenn er sich der Menge wieder zugesellen wollte, legte er sie wieder an.
A: Das sei die menschliche Vorsicht, erfuhr ich, um nicht jedermann zu zeigen , wer und wie man ist. Für sich allein kann man wohl sein, wie man ist, aber vor Menschen hat man sich menschlich zu zeigen.
Und ich schaute genauer hin , und ich sah, dass alle nicht nur im Gesicht entstellt waren, sondern an ihrem ganzen Leib.
B: Sie waren alle ausnahmslos mit Krätze, Räude oder Aussatz behaftet
C: Manche hatten einen Schweinsrüssel
D: andere Hundezähne oder Rinderhörner
E: wieder andere Eselsohren
B: Basiliskenaugen
C: Fuchsschwänze oder Wolfsklauen
D: Einige hatten einen Hals wie ein Pfau
E: andere eine dem Schopf des Wiedehopfs ähnliche Haube
B: andere trampelten wie Pferde
C: die meisten aber ähnelten Affen
A: Um Gottes Willen, sagte ich zu mir, das sind ja lauter Missgeburten, was ich da sehe!
Aber einige, die eben vorbeigingen, hatten gehört, dass ich sie Missgeburten nannte, sie blieben stehen und wollten über mich herfallen.
A: So begriff ich, dass es klüger sei, derlei Urteile nicht zu äußern und schwieg, um meine Betrachtungen fortsetzen zu können.
D+E: Manche verstanden besonders geschickt mit den Masken umzugehen: Flink nahmen sie sie ab und legten sie wieder an,
B+C: sodass sie sich, wo es not tat, augenblicklich ein anderes Aussehen zu geben wussten.
(5)
A: Ich hörte auch, dass sie in verschiedenen Sprachen miteinander redeten und sich dadurch großteils nicht verstanden.
Sie gaben einander keine Antwort.
Oder sie redeten über etwas ganz Anderes als zur Debatte stand.
Hie und da standen sie in großen Haufen beisammen und alle sprachen zugleich,
jeder brachte das Seine vor, aber keiner wollte auf den anderen hören
obwohl sie einander Stöße und Püffe versetzten, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen,
was aber nicht gelang, sondern nur zu Zank und Hader führte.
Da rief ich :Um Gottes willen, sind wir denn in Babel? Da singt ja jeder sein eigenes Lied ! Kann es ein größeres Wirrwarr geben?
(6)
A: Nichtstuer gab es nun allerdings wenige unter ihnen. Fast jeder ging irgendeiner Beschäftigung nach. Aber es waren entweder kindische Spielereien oder fruchtlose Anstrengungen.
B: So sammelten einige tatsächlich Kehrricht
C: und verteilten ihn untereinander.
D: Einige wälzten Balken und Steinblöcke heran,
E: zogen sie mit einer Maschine irgendwo in die Höhe –
B: und ließen sie dann wieder herabgleiten.
C: Andere hoben das Erdreich aus
D: und trugen und schafften es von einem Ort zum anderen.
E: Der Rest hantierte mit Schellen,
B: Spiegeln,
C: Bällen,
D: Bändern und anderem Spielzeug.
E: Einige beschäftigten sich sogar mit dem eigenen Schatten,
D: indem sie ihn maßen,
C: ihm nachjagten
B: und ihn zu haschen versuchten.
C: Das alles taten sie mit solchem Eifer,
D: dass sie bei ihrer Arbeit stöhnten und schwitzten,
E: und oft sogar zusammenbrachen.
B: Fast überall gab es Beamte, die ihnen solche Dinge auferlegten,
C: und pflichteifrig die sinnlose Arbeit unter ihnen verteilten,
D: und nie fehlte es an solchen,
E: die ebenso pflichteifrig taten, was man ihnen befahl.
(7)
A: Da sagte ich zu mir mit Verwunderung: Wehe, ist denn der Mensch nur dafür da, um seine göttliche Vernunft zu solch eitlen und unnützen Dingen zu gebrauchen?? - Aber ich wollte nicht allzu viel klügeln. Sie sind ja noch keine Engel im Himmel , dachte ich mir, sondern leben noch auf der Erde und müssen sich mit irdischen Dingen abgeben. Und es scheint ja alles in Ordnung bei ihnen vonstatten zu gehen.
(8)
A: Bei näherer Betrachtung bemerkte ich aber, dass man sich eine größere Unordnung als auf der Welt herrschte, nicht ausdenken konnte.
Denn wenn sich einer mit einer Arbeit abmühte und plagte,
kam gleich ein anderer dazu
und mischte sich ein, da gab es dann gleich Zank und Streit.
(9)
A: Ich nahm auch einen anderen Missstand wahr, nämlich die Blindheit und Dummheit der Menschen.
Denn auf dem Marktplatz der Welt gab es eine Menge Gruben, Löcher und Vertiefungen,
auch Steine und Balken,
welche kreuz und quer lagen,
und viele andere Hindernisse.
Doch niemand dachte im entferntesten daran, sie wegzuräumen
und die Ordnung wiederherzustellen.
Hindernis aus,
niemand nahm sich die Mühe, es zu umgehen.
Man ging wie blind darauf los,
sodass sich bald dieser, bald jener daran stieß,
darüber stürzte
und entweder den Hals brach
oder übel zugerichtet wurde –
ein Anblick, bei dem einem das Herz im Leib erstarrte.
Doch keiner kümmerte sich um den anderen,
nur wenn jemand in eine Falle fiel,
lachten man ihn tüchtig aus.
Sooft ich also einen Balken oder eine Grube erblickte, begann ich die, die blind darauf zutorkelten, zu warnen.
Doch niemand beachtete es.
Teils lachte man mich aus,
teils verfluchte man mich,
und mancher wollte mich sogar dafür schlagen.
Einige stürzten und standen nicht mehr auf,
andere erhoben sich wieder,
gingen weiter
und überschlugen sich mehrmals.
Beulen und blaue Flecken hatte jeder zur Genüge, doch ohne sonderlich darauf zu achten, sodass ich mich über ihre Unempfindlichkeit nicht genug verwundern konnte.
Doch während sie die selbstverschuldeten Unfälle und Verletzungen mit der größten Gleichmut ertrugen,
so fand ich auf der anderen Seite oft genug, dass jeder, sobald ein anderer ihn nur streifte, sofort auffuhr,
um sich zu wehren und gleich loszuschlagen.
(10)
A: Auch hatten sie scheinbar große Lust auf Neuerungen und Veränderungen in Kleidung, Bauweise, Musik, Sprache und anderem.
B: So fand ich einige unter ihnen, die
Es wich auch niemand einem solchen nichts taten als sich ständig umzukleiden und ein Kleid nach dem anderen zu probieren.
C: Andere wieder sannen über eine neue Bauart nach, um dann nach einer Weile wieder abzubrechen, was sie soeben erst mit Mühe aufgerichtet hatten
D: Sie nahmen bald diese, bald jene Arbeit vor und ließen dann in ihrer Unbeständigkeit alles wieder liegen.
E: Wenn einer sich mit seiner Last zu Tode geschleppt oder sie auch im Stich gelassen hatte
B: fanden sich gleich andere, die sich, so unglaublich es klingen mag, um seine Bürde rissen, stritten und balgten.
(11)
B+C (beide sprechen, zum Publikum): Auch sah ich viele, die auf hohen Absätzen gingen
D+E (beide): Andere gingen sogar auf Stelzen um über die anderen erhöht zu sein und von oben herabzublicken.
Je höher die Stelzen waren, desto schneller kamen sie zu Fall
Oder es wurde ihnen, vermutlich aus Neid, ein Bein gestellt.
(12)
A: Ferner fand ich viele, die einen Spiegel trugen
Und während sie mit anderen sprachen,
stritten
oder sich prügelten,
oder während sie Steine wälzten,
ja, selbst wenn sie auf ihren hohen Stelzen gingen, sich wohlgefällig von vorn und von hinten und von allen Seiten darin besahen,
Worte der Bewunderung vor sich hin murmelten, die ihrer eigenen Schönheit, ihrem Wuchs und Gang und ihrem Tun galten
(13)
A: Zuletzt sah ich den Tod durch ihre Reihen schreiten; mit scharfen Waffen ausgerüstet, mahnte er sie mit lauter Stimme, nicht zu vergessen, dass jeder sterben muss. Doch niemand achtete auf seinen Ruf, ein jeder blieb bei seiner Dummheit und trieb unbekümmert seinen Unsinn weiter.
B: Da drang er mit seinen Waffen auf sie ein und schoss, und wer getroffen wurde, er mochte jung oder alt, arm oder reich, gelehrt oder ungelehrt sein, brach sofort zusammen.
C: Wer verwundet war, schrie, jammerte und brüllte
D: Die gerade vorübergingen, prallten zurück, als sie die Wunden sahen, verfielen aber gleich wieder in die alte Sorglosigkeit.
A: Manche traten an den Verwundeten heran, hörten ihn röcheln und sahen , wie er die Beine anzog und verschied.
B: Da versammelten sie sich an seinem Grab, sangen, aßen, tranken und feierten, nur einige weinten ein wenig dabei.
D: Dann ergriffen sie den Toten, schleppten ihn hinaus und warfen ihn in jenen finsteren Abgrund, der die Welt umgibt.
B: Aber kaum waren sie zurück, gaben sie sich wieder ihrem wüsten Treiben hin.
D: Dem Tod selbst wich niemand aus, aber ihm ins Auge zu sehen, wurde geflissentlich vermieden, obwohl er oft ganz knapp an ihnen vorüberging.
A: Hernach sah ich, dass nicht alle von den Pfeilen Getroffenen sogleich tot zusammenbrachen.
B: einige waren bloss verwundet
C:gelähmt
D:geblendet
E: taub
A: oder bewusstlos
B: Andere waren aufgetrieben wie eine Blase
C: manche spindeldürr
D: wieder andere zitterten wie Espenlaub
E: sodass die Zahl der kranken Menschen größer war als die der gesunden.
A: Man sah auch viele sich herumtreiben, die Pflaster, Salben und Tränke zur Heilung jener Wunden anboten. Und jedermann kaufte von ihnen voll Hoffnung und trotzte dem Tod.
B: Doch der scherte sich nicht viel darum, sondern schoss weiter und traf auch die Händler und Heiler.
C: Es war für mich ein trauriger Anblick, wie ein zur Unsterblichkeit berufenes Geschöpf
D: so kläglich,
E: so unerwartet
B: und auf so vielerlei Art
C: dem Tod verfiel.
D: Vor allem als ich bemerkte, dass fast immer, wenn einer begann, so recht sein Leben zu genießen
E: wenn er sich Freunde erworben hatte
A: wenn er seine Angelegenheiten geordnet und sein Haus bestellt und endlich Geld beisammen hatte,
B: der Tod ihn überraschte und allem ein jähes Ende machte.
C: Und wer sich auf dieser Welt aufs beste gebettet zu haben glaubte, wurde plötzlich aus seinem Traum gerissen und merkte, dass alle seine Pläne zunichte wurden
D: Wenn aber ein anderer an seine Stelle trat, da widerfuhr ihm genau dasselbe Schicksal
E: und genauso dem dritten, dem zehnten und dem hundersten
A: Als ich sah, dass niemand diesen Zustand der Unsicherheit zu Herzen nahm, und dass alle sich gebärdeten, als ob sie ewig zu leben hätten, obwohl sie mit einem Fuss im Grab standen, wollte mir das Herz fast im Leib zerspringen, und ich sagte ganz still zu mir: Gott sei's geklagt, dass wir armen Menschen zu unserem eigenen Unglück so verblendet sind!
Aber etwas in mir sagte: Wäre es nicht dumm, sich mit dem Gedanken an den Tod zu quälen, wo doch jeder weiß, dass er ihm nicht entgeht? Da ist es doch gescheiter, sich um seine Angelegenheiten zu kümmern und im übrigen Spaß zu haben. Sollen die einen aufhören, sich des Lebens zu freuen, weil die anderen sterben? An ihrer Stelle werden ja wieder andere geboren...
Wenn das die wahre Weisheit ist, dachte ich da, dann hab ich nicht viel Ahnung davon.
